Beispiel einer Medienkriminalitätswelle

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Beispiel einer Medienkriminalitätswelle

Als Beispiel für die Medienkriminalitätswelle wird in dem Buch ein Fall aus New York City beschrieben. Ende 1976 berichteten viele Zeitungen und lokale Fernsehstationen über ein Anwachsen der Gewaltkriminalität insbesondere von Jugendlichen gegen alte Menschen. Die Rezipienten mussten deshalb den Eindruck gewinnen, dass Verbrechen gegen alte Menschen tatsächlich im Ansteigen begriffen waren. Journalisten benutzen das Konzept "Verbrechen gegen alte Menschen" immer wieder und berichteten über einen Vorfall nach dem anderen. Die Kriminalitätswelle entbehrte jedoch jeder Tatsachengrundlage. Die Kriminalstatistik der New Yorker Polizei wies keinen Anstieg der Kriminalität gegen alte Menschen aus. Im Gegenteil wies die Statistik für die Straftat "Mord an alten Menschen" sogar einen deutlichen Rückgang aus. Trotzdem bezogen sich 28% der Kriminalitätsnachrichten in den Medien auf Morde an alten Menschen. Und das obwohl in der New Yorker Polizeilichen Kriminalstatistik Morde insgesamt mit weniger als 1% verzeichnet waren. Trotz fehlender Faktengrundlage entfaltete diese Medienkriminalitätswelle durch Interaktionen zwischen veröffentlichter Meinung und der dadurch vermittelten öffentlichen Meinung eine unheilvolle Eigendynamik. Sobald nämlich Massenmedien ein geeignetes Verbrechensthema für die Berichterstattungen gefunden haben, berichten sie auch über die Reaktionen, die durch die Berichterstattung selbst hervorgerufen wurden. Die Medien schaffen dadurch ihre Kriminalitätsnachrichten selbst. Die Folgen dieser medial vermittelten „Realität“ waren Bürgerversammlungen, Anfragen und Debatten im parlamentarischen Prozess, Reformvorschläge für das Strafrechtssystem und spezielle Polizeiprogramme. Durch diese offiziellen Reaktionen erschien in der öffentlichen Wahrnehmung die Kriminalitätswelle noch glaubhafter. Durch eine selektive Berichterstattung lenkten Massenmedien das öffentliche Bewusstsein mit erheblichen Folgen für die Wirklichkeit der Kriminaljustiz und für die Strafgesetzgebung. Unter dem Eindruck der so erzeugten öffentlichen Meinung änderten Jugendgerichte und Jugendstrafanstalten ihre Praxis. Es wurden härtere Urteile verhängt und auch der Strafvollzug erheblich verschärft. Meinungsumfragen in den USA zeigten, dass von 60% der Befragten die Ansicht vertreten wurde, dass Verbrechen gegen alte Menschen tatsächlich zugenommen hätten. Wurden älteren Bürger befragt, äußerten diese ernste Befürchtungen nicht mehr auf der Straße sicher zu sein. Bei diesem Fall aus dem Jahr 1976 handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall. Auch lassen sich Medienkriminalitätswellen nicht nur in den USA nachweisen. Obwohl die sogenannten Medienkriminalitätswellen keinerlei Basis in der Wirklichkeit haben, lösen sie trotzdem Interaktionen in der Wirklichkeit der Öffentlichkeit und öffentlichen Wahrnehmung aus. Wie kann es zu solch fatalen Entwicklungen kommen?